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Gedanken zum Wochenende, 10.11.2018

Als die Synagogen brannten

Heute vor 80 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden in ganz Deutschland mehr als 1500 jüdische Gotteshäuser durch die vom Nationalsozialismus verblendete deutsche Bevölkerung in Brand gesetzt. Bereits von 1933 bis 1939 wurden über 6000 Jüdinnen und Juden Opfer der Nazis. Wir stellen uns heute die Frage, ob es in der Folgezeit zu den 6 Millionen jüdischen Opfern gekommen wäre, wenn der Protest bei den 6000 größer gewesen wäre? Wären die schrecklichen Vernichtungslager Auschwitz und Treblinka, Buchenwald und Flossenbürg und die vielen anderen überhaupt möglich gewesen, wenn es bereits bei den brennenden Synagogen einen hörbaren Aufschrei der Vernünftigen, Rechtschaffenden, Gebildeten gegeben hätte? - Wo waren sie?

Heute, 80 Jahre nach den Novemberpogromen stellen wir uns der historischen Bürde: In der ehrlichen Information darüber, im Nachdenken und in der bewussten Auseinandersetzung mit den Tatsachen von damals liegt die Chance, dass wir wenigstens heute den Mut und die Zivilcourage aufbringen, genau hinzuschauen und hinzuhören, Mord beim Namen nennen und uns standhaft Ungerechtigkeiten entgegen stemmen. Wir sollten uns betreffen und berühren lassen von dem, was war. - Vor 10 Jahren, zum 70. Jahrestag war ich tief beeindruckt von dem Bericht eines jüdischen Zeitzeugen, Professor Meir Schwarz:

In der Nacht, in der in ganz Deutschland die Synagogen brannten, war ich mit meinem Bruder allein zu Hause. Unser Vater Ludwig, war bereits ein Jahr zuvor von Nazis ermordet worden, meine Mutter lag im Krankenhaus. An jenem 10. November, in den frühen Morgenstunden, läutete die Türklingel schrill und ohne Unterbrechung. Ich hörte dumpfe, starke Schläge gegen die Tür, Schreie und regelrechtes Gebrüll: „Aufmachen, sofort Aufmachen.“ Noch heute, 70 Jahre nachdem dies alles geschehen ist, dröhnen diese Worte in meinen Ohren. Mein Bruder, der Ältere, damals immerhin schon 17 (ich war gerade 13), öffnete die Tür. Sofort schob sich ein Fuß in unsere Wohnung, die Tür ließ sich nicht mehr schließen. „Sind Sie Juden?“ fragte eine Stimme, und als wir das bejahten, begannen fünf SA Männer, in unsere Wohnung zu stürmen, schlugen auf meinen Bruder ein, zerschmetterten, zerstörten, zerbrachen, zerrissen und zerschnitten alles, was sie in der Wohnung finden konnten: Bilder, Teppiche, Bücher, Schränke, Geschirr, Lampen. Sie stahlen Geld und den Schmuck meiner Mutter, sie stahlen sogar meine „Tefillin“, meine Gebetsriemen. Dann, endlich, verschwanden sie wieder, mein Bruder und ich blieben völlig verängstigt in der verwüsteten Wohnung zurück.

Am nächsten Morgen, als wir uns im Morgengrauen auf die Straße trauten, sahen wir, dass es überall Jüdinnen und Juden ergangen war wie uns, dass Geschäfte zerstört, Wohnungen verwüstet und die Synagoge angezündet worden war. Wenig später hatte ich das große Glück, einen Platz in einem der Kindertransporte nach Palästina zu ergattern. Glück, das meine Familie nicht hatte: Meine Mutter starb 1940 an „Medikamentenmangel“ im jüdischen Krankenhaus in Fürth, mein Bruder wurde 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Gestern gedachten wir in unserer Stadt der Gräuel der Pogrome und der Deportation unserer jüdischen Mitbürger vor einem Haus am Mainkai, wo um 1910 ein jüdischer Bet-Saal eingerichtet worden war. Ein Erinnerungsmal wurde vorgestellt, das von Zehntklässlern des Balthasar-Neumann-Gymnasiums gestaltet worden ist: Eine „Gepäck-Skulptur“ in Erinnerung an die Deportation der in Unterfranken lebenden Juden. Mit dieser Skulptur beteiligt sich die Stadt Marktheidenfeld am Projekt „DenkOrt Aumühle“. In dessen Rahmen erinnern alle beteiligten Städte vor Ort an die aus Unterfranken deportierten Juden. Die zentrale Veranstaltung fand am zentralen Gedenkort, dem ehemaligen Verladebahnhof an der Inneren Aumühle in Würzburg, statt. Es ist unfassbar…

Ich wünsche Ihnen ein nachdenkliches Wochenende,

Ihr Pfarrer Bernd Töpfer, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Marktheidenfeld.

Die jeweils aktuellen Gedanken zum Wochenende können auch auf unserer Homepage: www.marktheidenfeld-evangelisch.de gelesen und heruntergeladen werden.

Die Andachten der letzten Jahre zu den verschiedensten Themen finden Sie unter „Gedanken zum Wochenende/Archiv“, - für den Fall, dass Sie selbst mal eine Andacht halten wollen…